Theatrale Tour de Force als anregende Zumutung

Mannheimer Morgen
21.09.2013

Wunder der Prärie: White on White mit "All Those Beautiful Boyz"

Eines vorab: „#5 – All Those Beautiful Boyz“ ist eine Zumutung. Fast drei Stunden dauert die Theaterperformance, in deren Verlauf sich die Zuschauer einem Sperrfeuer an Erdnuss-Wurfattacken ausgesetzt sehen, sich von den Kette rauchenden Künstlern aus nächster Nähe anstarren lassen, schier endlose Texttiraden in englischer Sprache (immer wieder auch in Gestalt aufgezeichneter Projektionen) über sich ergehen lassen müssen und obendrein zu Objekten verstörender „Vorstellungsreisen“ des deutsch-schwedischen Duos White On White werden.
Aber sie haben uns ja gewarnt: Mit „Arroganz und Rüdheit“ würden sie dem Publikum begegnen, haben Iggy Malmborg und Johannes Schmit in einer Einführung zu ihrem Gastspiel beim Wunder der Prärie-Festival im Mannheimer Zeitraumexit erläutert, um später auf die Strategie der „Demut“ umzuschwenken.
Mit seiner fünften Produktion will das Duo analysieren, wie sich rassistische europäische Konzepte in zeitgenössische Schönheitsvorstellungen aufgelöst haben, und setzt sich hierbei mit dem Erscheinungsbild (der „sichtbaren Oberfläche“) als Bindeglied zu gesellschaftlicher Anerkennung und Erfolg auseinander. „Was ist schlechterdings Schönheit? Wo hat sie ihren Sitz?“ Und vor allem: „Wie kommt es, dass wir genau jetzt so verdammt anziehend auf euch wirken?“, seien hierbei zentrale Fragen, verraten die Künstler, die im Folgenden ausgiebigst erzählen, zum Beispiel über ihre Theaterarbeit. Sie sinnieren über die Motivation zu schönheitschirurgischen Eingriffen und entwerfen surreale Lebensläufe, in denen sich Hände, Hautton verändern und sie sich sogar neue Seelen einpflanzen lassen – die sich wiederum als „Feuer in den Augen“ sichtbar widerspiegelten.
„All Those Beautiful Boyz“ ist eine theatrale Tour de Force – anstrengend, herausfordernd, bisweilen zermürbend –, aber in seiner radikalen, Konventionen sprengenden Konzeption mindestens eindrucksvoll; dazu kommt, dass Malmborg und Schmit sich als großartige Schauspieler erweisen. Eine Zumutung, ja, aber eine, die wir nicht hätten missen wollen. mav