Legosteine, Reiskörner und ein Panzer

Die Rheinpfalz
20.09.2013

Beim Mannheimer Kunst- und Performancefestival "Wunder der Prärie" wird laut geträumt und fantasievoll gespielt

Bundesgartenschau, Konversion, Gentrifizierung: Das internationale Festival für Performance, Liveart und Kunst „Wunder der Prärie“ beschäftigt sich diesmal mit aktuellen Fragestellungen, welche die Stadt Mannheim bewegen. Dabei geht es weniger umhandfeste Lösungen als um Ideen und Utopien– selbst wenn die Vorschläge auf den ersten Blick surreal erscheinen mögen. „Laut geträumt“ lautet das Motto.
Auch Improvisieren ist eine Kunst. Genau das mussten die Mitglieder der Künstlergruppe Raumlabor aus Berlin gestern Abend bei der Eröffnung des Festivals im Künstlerhaus Zeitraumexit. Denn ihre mobile Installation, ein nachgebauter Panzer, hatte es nicht rechtzeitig aus Berlin nach Mannheim geschafft. Dafür gab es eine Performance mit Marshmallows und Squaredance des Mannheimer Vereins Die Crossfires.
„Cold war/hot dogs“ heißt das neue Projekt der Raumlaboranten. Die Künstler nahmen ein traurige Geschichte zum Anlass, die sich im Juli 1982 in Mannheim ereignet hatte: Der US-Soldat Charlie S. K. durchbrach mit einem Kampfpanzer den Zaun der Sullivan-Kaserne. Er fuhr durch die Mannheimer Innenstadt und hinterließ eine Spur der Verwüstung. Von der Kurpfalzbrücke stürzte er sich mit dem Panzer in den Tod.
Diesen Panzer haben die Berliner nachgebaut und fahren damit in den nächsten Tagen durch die Innenstadt - allerdings wollen sie weder Angst noch Schrecken verbreiten. Der Panzer entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Holzpavillon mit Hot-Dog-Stand und Bar. Im Inneren haben 30 Menschen Platz zum Kennenlernen und Diskutieren. Begleitend gibt es Vorträge und Diskussionsrunden. Themen sind die Auswirkungen des Abzugs der US-Truppen für Mannheimund die urbanenMöglichkeiten, die sich daraus ergeben.
Allerdings gab es logistische Probleme. Das Zugfahrzeug, das den Pan- BeimMannheimer Kunst- und Performancefestival „Wunder der Prärie“ wird laut geträumt und fantasievoll gespielt zer von Berlin nach Mannheim bringen sollte, war defekt. Deshalb verspätete sich die Fahrt, so dass der Panzer zur Festivaleröffnung nicht im Hof von Zeitraumexit stand. Schon einmal hatte Raumlabor-Berlin Transportprobleme, damals misslang der Versuch, ein auf dem Alten Messplatz gebautes Schiff im Neckar zu Wasser zu lassen und nach Ludwigshafen schippern zu lassen.
Auch wenn die von vielen neugierig erwartete Attraktion fehlte, gab es in den Räumen von Zeitraumexit allerhand zu entdecken und zu tun. Da fühlte sich so mancher zurück versetzt ins Kinderzimmer: Hörspiele hören und dabei Lego bauen. Acht „soziale Bausätze“ haben Ricarda Franzen und Robert Schoen zusammengestellt. Dabei handelt es sich um acht verschiedene Hörspiele. An der Essensausgabe können sich die Besucher das Hörmenü auswählen und bekommen neben MP3-Player und Kopfhörern auch ein Bauset ausgeteilt, mit deren Hilfe sie ihre eigene Miniatur-Stadt bauen können. Bei den Hörspielen handelt es sich um Hörspielgeschichten, Originaltöne, Fiktionen oder Totalspinnereien. Alle beschäftigen sich jedoch mit Partizipation und Bürgerbeteiligung.
Fast schon meditativ ging es nebenan bei Chun Hua Catherine Dong zu. „Hourglass“ heißt ihre Performance. Sie hat eine riesige Schüssel bis oben hin mit Reiskörnern gefüllt. Daneben steht eine leere Schüssel. Während des Festivals möchte die aus China stammende Künstlerin mit Hilfe der Besucher die Hälfte der Reiskörner in die andere Schüssel transferieren. Allerdings muss jedes Reiskorn mit schwarzer Tinte angemalt werden, bevor es die Schüssel wechseln kann. Die zwei Stühle am Tisch blieben nicht lange leer. „Das beruhigt“, stellte Silvia Szabo fest, nachdem sie ein paar Reiskörner bemalt hatte, „das ist ein bisschen wie Meditation.“
Auch die Aktion „Mannheim 2013-2027: Wer macht wen zukunftsfit?“ ist für die ganze Dauer des Festivals angesetzt. Die AG Ast richtet ihr Augenmerk auf die Feudenheimer Au, das potenzielle Gelände für die Bundesgartenschau 2023. Die dortige Kleingartensiedlung war für die Mitglieder Ausgangspunkt für die Entwicklung gewagter Strategien zu posturbanen Raumaufteilung und Flächennutzung. Die AG Ast organisiert Fahrradtouren und präsentiert die Ergebnisse ihrer Feldforschung.
Von Olivia Kaiser