Unendliche Freiräume für Freiflächen

Mannheimer Morgen
09/10/2013

Wunder der Prärie: Die achte Auflage des Performance-Festivals von zeitraumexit befasst sich unter dem Motto "Laut geträumt" mit Konversion und Stadtplanung

Von unserem Redaktionsmitglied Ralf-Carl Langhals


Den Beweis, dass ein Dreieck, wenn auch nicht zwangsläufig, so doch gelegentlich, eine runde, höchst dynamische Sache sein kann, hat das ehemalige Rhein-Neckar-Dreieck ja längst erbracht. Dass die heutige Metropolregion auch auf dem Gebiet der performativen Schnittstellenkunst gut dasteht, ist dem Trio Gabriele Oßwald, Tilo Schwarz und Wolfgang Sautermeister zu verdanken, das hier echte Pionierarbeit leistete. Mittlerweile verwalten die drei Künstlerischen Leiter von Zeitraumexit im Jungbusch nicht nur finanziellen Mangel und kommunalparlamentarisches Misstrauen, sondern auch die achte Auflage eines Festivals, das wie die Institution selbst längst überregionale und teils internationale Beachtung findet.

Panzer und Feudenheimer Au
Zum achten Mal dringt das Leitungsdreieck vom 18. bis 28. September mit dem herrlich ironischen Festivaltitel „Wunder der Prärie“ ins Quadrat. Unter dem Motto „Laut geträumt“ zielt das internationale Live-Art-Fest diesmal in die Fläche, und zwar in den Frei- und Umgestaltungsraum, der Mannheim mit BUGA, Konversion und innerstädtischen Großbaustellen derzeit ganz buchstäblich zu schaffen macht.
Zeitraumexit fährt schwere Geschütze auf – und lässt den Panzer, mit dem ein verwirrter US-Soldat 1982 durch die Mannheimer Planken kreuzte, als Holznachbau des Künstlerkollektivs Raumlabor Berlin wieder auferstehen, „cold war/hot dogs“ nennt sich die Aktion, in der das Gefährt als mobiler Pavillon für Gespräche und Aktionen durch die Stadt gezogen wird.
Was ist aus 65 Jahren gemeinsamer deutsch-amerikanischer Geschichte vor Ort geblieben? „Woran erinnern sich die Menschen, wo gab es Berührungen, wo wurde die Welt der Kasernen als Parallelwelt empfunden?, fragt Gabriele Oßwald und auch das Duo Café Kinzig aus Jan-Philipp Possmann und Oliver Rack, die den Panzer beinah täglich (17 Uhr) mit der Diskussionsreihe „Collini Social Club“ bespielen. Der Panzer ist also friedlich, kooperiert mit
dem 5. Fotofestival MA-LU-HD – und sorgt am Wahlsonntag für Tanztee auf dem Marktplatz, zum Festivalabschluss gar für ein fröhliches Abendessen auf dem Schillerplatz.
Wieder dabei ist auch die Arbeitsgemeinschaft Anastrophale Stadt (AG ast), die sich mit und auf der Feudenheimer Au ganz minimalistisch mit Plänen und Utopien beschäftigt, auf die sicher kein BUGAPlaner je offiziell käme.

Hörspiel auf dem Paradeplatz
Erfahrungen des Lesens, Wahrnehmens und Beobachtens setzt das Duo Herbordt/Mohren nun mit „Das Stueck (Intervention)“ auch auf dem Paradeplatz um. Passanten werden dabei zu Protagonisten, realer Stadtalltag zur Bühne eines nicht alltäglichen Hörspiels (19. und 20.9., 16-19 Uhr), das die Künstler – bei durchgehendem Einlass – als 45-minütige Audio-Performance konzipiert haben. Ebenfalls mit Hörspieltechnik arbeitet das renommierte Theaterkollektiv Ligna am 27.9., 20 Uhr, im Festivalzentrum: „Der neue Mensch. Vier Übungen in utopischen Bewegungen“ heißt die Arbeit zu Theater- und Bewegungstheorien von Rudolf von Laban, Bert Brecht und Charlie Chaplin.
Auf 30 Mitspieler beschränkt ist „The Mannheim Games Tour“ der Künstlergruppe Invisible Playground, die in den Quadraten eine launige Art Monopoly spielt. (27.9., 16 Uhr, Reservierung notwendig).
Davor, dazwischen und dazu gibt es täglich natürlich einen dick gebundenen Strauß von bewährtenWunder-der-Prärie-Blüten: intime Tanzdarbietungen, kuriose musikalische Einlagen – und reichlich Futter für Herz und Verstand.
Auf die Frage, ob Kunst eine Stadt wirklich verändern kann, finden Oßwald, Schwarz und Sautermeister sehr unterschiedliche Antworten. Einig sind sie sich aber insofern, als sie neben der Architektur und ihrer Wahrnehmung vor allem „immateriellem Stadtleben“ das größte Potenzial zur Veränderung zuschreiben. Freiräume sind vorhanden . . .

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